Paleosophie | Tipps und Hintergründe für den zivilisierten Urmenschen | von Constantin Gonzalez

Buchtipp: Die bittere Wahrheit über Zucker

Buch: Die bittere Wahrheit über Zucker

Jeder weiß, dass Zucker ungesund ist.

Trotzdem neigen die meisten Menschen dazu, Zucker zu verharmlosen. Ihr kennt das: „Eine Praline kann nicht schaden!“, „Gönn’ dem armen Kind doch mal was Süßes!“ oder: „Ich brauch halt ein Getränk mit Geschmack!“

Ja was denn nun? Harmlos oder Gift?

Schnell schalten sich die Mittelmaß-Advokaten ein: „Alles in Maßen.“ Nur: Was ist das richtige Maß für den Zucker?

Einer der den Zucker so genau kennt wie kein anderer ist Prof. Dr. Robert Lustig. Als Arzt hat er jahrzehntelang übergewichtige Kinder behandelt, und ist der Epidemie „Übergewicht“ auf den Grund gegangen. Im Zentrum dieser Epidemie: Der Zucker.

Jetzt ist sein aktuelles Buch „Die bittere Wahrheit über Zucker“ auf Deutsch erschienen.

Prof. Lustig (der heißt wirklich so) gilt schon seit Jahren als einer der prominenteren Vertreter der Anti-Zucker-Bewegung. Gerne wird er als derjenige zitiert, der Zucker als „Gift“ bezeichnet und gegen Wirtschaft und Politik wettert, die seiner Meinung nach nichts oder nicht genug gegen die Übergewichts-Epidemie tun, die nicht nur die USA, sondern immer mehr westliche Länder, inklusive Deutschland heimsucht.

Schnell werden Kritiker laut, die ihm vorwerfen, zu übertreiben, schließlich sei Fructose (die eigentlich „giftige“ Komponente des Zuckers) ja ein ganz natürlicher Stoff und überhaupt solle er die Polemik sein lassen.

Auf der anderen Seite blickt er als Arzt auf jahrzehntelange Erfahrung aus seiner Praxis und Forschung zurück, die er dem Problem „Übergewicht“ gewidmet hat – mehr als die allermeisten seiner Kritiker. Dabei ist Prof. Lustig – anders als die meisten seiner Kritiker – unparteiisch und alleine seinen Patienten verpflichtet.

Zusammengefasst: Wir sollten dem Mann mal zuhören.

Nicht nur ein Buch über Zucker

Vor allem deswegen, weil sein frisch erschienenes Buch „Die bittere Wahrheit über Zucker: Wie Übergewicht, Diabetes und andere chronische Krankheiten entstehen und wie wir sie besiegen können*“ viel mehr Themen abdeckt, als bloß den Zucker: Es ist eine fundierte, auf wissenschaftlichen Fakten basierende und umfassende Informationsquelle zum Thema Übergewicht: Hormone, Nervensystem, Ballaststoffe, Bewegung, Evolution, Diäten, Stress, Geschichte, Politik, Fallbeispiele, Fett, Kohlenhydrate, Proteine, Mikronährstoffe, Umweltgift, praktische Tipps, Tabellen. Kein Faktor kommt zu kurz, denn er behandelt das Thema Übergewicht aus allen Blickwinkeln, lässt nichts aus.

Und im Zentrum bleibt der Zucker.

Alles, was man zum Thema Übergewicht wissen muss, in sechs Teilen

Im ersten Teil des Buches beleuchtet Lustig „die bedeutendste Geschichte, die jemals verkauft worden ist“ und räumt mit dem „Kalorien rein, Kalorien raus“ Mythos auf. Wenn die konventionelle Meinung, dass man schlicht weniger essen und sich mehr bewegen müsste, um abzunehmen, wahr wäre, dann hätten wir heute nicht diese Epidemie von übergewichtigen Menschen, metabolischem Syndrom und damit verbundenen Zivilisations-Krankheiten. Eine Kalorie ist eben nicht gleich eine Kalorie: Das Thema „Kalorie“ lässt sich nicht auf einfache Thermodynamik reduzieren.

Wie vielschichtig das Problem „Übergewicht“ wirklich ist, erfahren wir im zweiten Teil: „Essen oder nicht essen – das ist nicht die Frage“. Hier lernen wir die Hormone Leptin, Insulin, Ghrelin und Cortisol kennen und wie sie mit dem Hypothalamus und dem Nervensystem interagieren. Wir erfahren auch etwas über die Regelsysteme im Körper, die Fettanteil, Bewegungsdrang, Hunger, Stress und Lust steuern, und was passiert, wenn bestimmte Teile dieser Systeme übertrieben beansprucht oder gestört sind.

Der dritte Teil, „Gedanken über das Fett“ ist dem Fett gewidmet: Vom Lebenszyklus einer Fettzelle bis zur wichtigen Unterscheidung zwischen „dick“ und „krank“: Nicht jeder, der dick ist, ist auch krank und nicht jeder, der schlank ist, ist gesund. Wir lernen auch, dass es zwei Arten von Körperfett gibt: Die eine harmlos, die andere gefährlich.

Die eigentliche Krankheit, um die sich alles dreht ist das metabolische Syndrom: Das kann verschiedene Symptome haben, von denen Übergewicht nur eines, wenn auch das häufigste ist. Im Grunde geht es dabei immer um dieselbe Krankheit: Eine Störung des Stoffwechsels, die eine Reihe von Zivilisations-Krankheiten zur Folge hat.

Teil 4, „Das wirklich giftige Umfeld“ ist der Kern des Buches, denn es bespricht die eigentlichen Ursachen des metabolischen Syndroms und damit des Übergewichts und der Folgen daraus. Hier lernen wir, dass der Mensch eigentlich zwei unterschiedliche „Betriebsmodi“ hat, mit unterschiedlichen Energiesystemen: Der „Jäger“-Modus, mit höherem Fett- und Eiweiß-Anteil aus tierischen Quellen und der „Sammler“-Modus, mit mehr Kohlenhydrate und Eiweiß, diesmal aus pflanzlichen Quellen. Natürlich war der Urmensch mal Jäger, mal Sammler, je nach Saison und Umgebung. Das machte ihn flexibel. Wenn wir aber dem Körper langfristig beides auf einmal zumuten, also Kohlenhydrate und Fette, fangen die Probleme an.

Jetzt kommt der Star des Buches ins Spiel: Zucker. Genauer gesagt: Die Fructose, also der Fruchtzucker, der die Hälfte eines jeden Tafelzucker-Moleküls ausmacht. Dieser Stoff bringt so einiges im Körper durcheinander: Fruktose belastet die Leber, wird direkt in Fett umgewandelt, das sich an die Leber anlagert, fördert Insulinresistenz und bring damit das Hormonsystem durcheinander, das wir in den vorherigen Kapiteln kennen gelernt haben. Sie hemmt die natürlichen Sättigungs-Mechanismen, so dass wir mehr essen, belastet die Mitochondrien und vieles mehr.

Und ja: Säfte sind wirklich nicht so gesund, wie man meint. So riet er einer Latino-Mutter: „La fruta es buena, el jugo es malo.“ („Die Frucht ist gut, der Saft ist schlecht.“)

Neben Fruktose nennt Teil 4 auch noch weitere Übeltäter, die meist zusammen mit Zucker auftreten: Minderwertige Fette, allen voran Transfette und Omega-6-Fettsäuren, Östrogen-ähnliche Stoffe, die im Körper nichts zu suchen haben, Umweltgifte und so weiter. Da die Lebensmittelindustrie stets bemüht ist, das Zuckerproblem zu verharmlosen, erklärt er auch die Motivation und die wichtigsten Gegenargumente der Industrie.

Die wichtigsten Gegenmittel werden in diesem Teil ebenfalls besprochen und wie sie wirken: Ballaststoffe, Mikronährstoffe und Bewegung. Letztere hilft zwar nicht auf eine Kalorien-rein-raus-Weise, sondern auf metabolischen Umwegen.

Teil 5 ist der Praxis-Teil: „Die persönliche Lösung“. Hier erfahren Leser, was sie tun können, um Übergewicht, metabolisches Syndrom und die damit verbundenen Krankheiten zu vermeiden. Hier gibt Lustig einen Überblick über die wichtigsten Diäten, inklusive der Paleo-Diät, die seiner Meinung nach nur einen Nachteil hat: Sie wäre teuer. Er reduziert jedoch alle erfolgreichen Diäten auf zwei wesentliche Faktoren: Sie limitieren Zucker stark und betonen Ballaststoffe, mit dem Nebeneffekt, dass dann auch mehr Mikronährstoffe aufgenommen werden. Echte Nahrung statt Industrie-Produkte ist immer eine gute Lösung.

Und er geht einen Schritt weiter: Es reicht nicht, Diät zu halten, sondern man muss das Umfeld ändern. Ändert man das Umfeld, dann kann man die eigene Ernährung leichter bestimmen, so dass man idealerweise keine Diät halten muss – sondern lediglich seine Lebensgewohnheiten verbessert. Dazu gibt der Autor reichlich Tipps für den Supermarkt, den Restaurant-Besuch und das tägliche Leben sowie hilfreiche Tabellen.

Die Belohnung: Die Hormonsysteme pendeln sich wieder ein, man hat weniger Hunger, mehr Bewegungsdrang und ist glücklicher – eine positive Spirale entwickelt sich. Dabei bleibt Lustig auch realistisch: Nicht jeder Fall lässt sich mit Diät oder einer Umstellung von Lebensgewohnheiten lösen. Dann muss ein anderer Ausweg mit Hilfe eines Mediziners gesucht werden.

Der letzte Teil, „Das Gesundheitswesen als Lösung“ erweitert die Diskussion kritisch auf gesellschaftliche Themen: Welche Rolle spielen Gesellschaft und Staat im Kampf gegen Übergewicht und Zivilisationskrankheiten? Wie viel Einfluss darf die Wirtschaft auf Politik nehmen, wenn es um ihre Interessen zu Lasten der Gesundheit geht? Welche Verantwortung kann und soll jeder einzelne für sich selbst übernehmen?

Zwar kommen Wirtschaft und Staat (in diesem Fall der US-Amerikanische Staat) nicht besonders gut weg, aber der Autor macht auch Vorschläge, wie der Staat sinnvoll einschreiten könnte und schließt das Buch mit einem Aufruf zur weltweiten Zuckerreduzierung.

Fazit: Mehr als ein Zucker-Buch

Eigentlich wird der Titel dem Buch nicht ganz gerecht. Tatsächlich lautet der Original-Titel im Englischen: Fat Chance: The Hidden Truth About Sugar, Obesity and Disease* und weist darauf hin, dass dieses Buch ein deutlich weiteres Thema behandelt: Übergewicht, Krankheit und die Rolle des Zuckers darin.

Auf der einen Seite wäre es verkehrt, alle Gesundheitsprobleme der Zivilisation auf eine Zutat zu reduzieren. Auf der anderen Seite ist es genau das, was Menschen wollen: Eine einfache Antwort. Die bittere Wahrheit über Zucker: Wie Übergewicht, Diabetes und andere chronische Krankheiten entstehen und wie wir sie besiegen können* gibt dem Leser beides: Es informiert umfassend und doch für Laien verständlich über Hintergründe und die wichtigsten Stoffwechselmechanismen und erklärt, wie sie durch „moderne“, aber falsche Ernährung aus den Fugen geraten.

Vielleicht ist das wirklich die einfachste Diät: Finde den Zucker im Essen und lass die Finger davon!

Die bittere Wahrheit über Zucker: Wie Übergewicht, Diabetes und andere chronische Krankheiten entstehen und wie wir sie besiegen können* ist im Riva-Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch EUR 19,99. Die eBook-Variante ist zur Zeit 4 Euro günstiger.

Vielen Dank an den Riva-Verlag für das Rezensionsexemplar! Diese Rezension ist dennoch unbeeinflusst davon entstanden.


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Von Constantin Gonzalez am 16.08.2016, aktualisiert: 19.12.2016 in Rezensionen.


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Mein Name ist Constantin, Informatiker und seit 2008 beschäftige ich mich intensiv mit Ernährung, Gesundheit und aktueller Forschung dazu.

Mit der Paleo-Ernährung (oder: „Paleo-Diät“) bin ich heute 18 kg leichter und fitter als je zuvor. Jetzt wandle ich mich vom Couch-Potato zum Athleten. Das hätte ich als klassischer „Geek“ nie gedacht!

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