Paleosophie | Tipps und Hintergründe für den zivilisierten Urmenschen | von Constantin Gonzalez

30.10.2016, aktualisiert: 19.12.2016 | Kommentare

Können mehr Kohlenhydrate das Leben verlängern?

Webseite der Zeitschrift Cell Metabolism

Ein freundlicher Leser schickte mir heute eine Mail mit einem Artikel einer Fachzeitschrift, die Folgendes titelte: „Kohlenhydrate aktivieren lebensverlängerndes Hormon“

Die Rede ist vom „Fibroblast Growth Factor 21“, kurz FGF21 und von einer neuen Studie, die behaupten soll, dass dieses Hormon vermehrt ausgeschüttet wird, wenn man sich kohlenhydratreich ernährt.

Bevor ich mein Blog einstampfe, mich von meinen Lesern verabschiede und fortan nur noch Nudelrezepte veröffentliche, wollte ich nochmal nachschauen, ob das wirklich stimmt …

Die Studie, die FGF21 eine lebensverlängernde Wirkung nachsagen soll ist diese hier: Prolongevity hormone FGF21 protects against immune senescence by delaying age-related thymic involution.. Dort geht es um den Thymus, ein Organ des lymphatischen Systems, das zwischen den Lungenflügeln sitzt. Dort ist es an der Reifung von T-Helferzellen für das Immunsystem beteiligt. Mit dem Alter nimmt die Aktivität des Thymus ab und es verfettet. Die Wissenschaftler haben gezeigt, dass zumindest in Mäusen ein erhöhter Spiegel von FGF21 die Verfettung des Thymus aufzuhalten vermag.

Soweit so gut. Das ist aber nur eine von vielen Beobachtungen zu FGF21: Es ist auch am Abbau überschüssigen Blutzuckers beteiligt, denn es stimuliert die Fettzellen dazu, Blutzucker aufzunehmen. Das geschieht zusätzlich zur Wirkung von Insulin [2].

Eine weitere Studie wirft ein neues Licht auf FGF21: High-fat diet and FGF21 cooperatively promote aerobic thermogenesis in mtDNA mutator mice.. Dort steht, dass FGF21 eng mit der Aktivität von Mitochondrien verknüpft ist und dass sich seine Menge genau dann erhöht, wenn die Mitochondrien im Körper besonders stark beansprucht werden.

Wenn FGF21 ein Stressmarker für Mitochondrien ist, dann geht es doch eher darum, warum die Mitochondrien gestresst sind: Intensives Training, Fasten, Low-Carb/High Fat, oder eben auch viele Kohlenhydrate, das sind alles Faktoren, die die Mitochondrien stark arbeiten lassen und gleichzeitig FGF21 stimulieren.

Ob gestresste Mitochondrien gut oder schlecht sind, hängt immer von der Ursache ab: Ein bisschen Stress ist gut (z.B. beim Training oder intermittierendes Fasten), zu viel ist eher nicht gut (Exzessives Training, Hungersnöte, falsche Ernährung über lange Zeit).

Von einem „Wunderhormon“ zu sprechen, das das Altern verzögert halte ich ein wenig für übertrieben. Für mich sieht es eher so aus, als wäre FGF21 ein Teil eines komplexen Systems rund um das Blutzucker- und Fettmanagement des Körpers. Ob viel FGF21 gut oder schlecht ist, hängt davon ab, ob die Ursache für seine Produktion gut oder schlecht war, nicht umgekehrt. Klingt also eher nach einem klassischen Fall von Verwechslung von Ursache und Wirkung.

Weiter im Kontext: Was hat FGF21 mit Kohlenhdraten zu tun?

Hier kommt eine neue Studie ins Spiel, die kürzlich in der Zeitschrift Cell Metabolism erschien: Defining the Nutritional and Metabolic Context of FGF21 Using the Geometric Framework..

Dort steht: We show that FGF21 was elevated under low protein intakes and maximally when low protein was coupled with high carbohydrate intakes.

Auf Deutsch: FGF21 wird am stärksten ausgeschüttet, wenn die Proteinaufnahme niedrig und die Kohlenhydrat-Aufnahme hoch ist.

Der naive Journalist zählt schnell zwei und zwei zusammen und titelt sich dann was von Kohlenhydraten und längerem Leben zusammen. Eine simple Suche im Web nach „Kohlenhydrate FGF21 Leben“ fördert seitenweise Hurra-Artikel, die nach diesem Schema um die Gunst des Lesers werben und den Platz zwischen der Werbung zu füllen suchen. Gewürzt mit Seitenhieben auf Low-Carb und Paleo.

Was die Journalisten offenbar nicht im Abstract des Cell Metabolism Artikels gelesen haben:

  • Metabolic effects of FGF21 are dependent on nutrient context: Die Wirkung von FGF21 hängt vom Ernährungs-Kontext ab. Will sagen: Ob FGF21 das Leben verlängert oder nicht, hängt davon ab, wie man sich ernährt.
  • Genauer: Increased FGF21 is also seen in various other contexts such as fasting, overfeeding, ketogenic diets, and high-carbohydrate diets, leaving its nutritional context and physiological role unresolved and controversial. Aha: FGF21 kommt auch dann erhöht vor, wenn man fastet (= gar keine Kohlenhydrate isst), sich überfüttert, bei ketogener Ernährung (= fast gar keine Kohlenhydrate) und bei hoher Kohlenhydrat-Aufnahme.

Die Autoren stellen also lediglich fest, dass die Wirkung von FGF21 unterschiedlich sein kann, je nach Ernährungs-Kontext. Dann haben sie an Mäusen verschiedene Ernährungsprotokolle systematisch ausprobiert, um nachzumessen, welche Ernährung wie viel FGF21 zur Folge hatte.

Daraus kann man aber keine Empfehlung für die Ernährung ableiten, denn FGF21 istg nur ein kleines Glied in einer sehr viel komplexeren Kette von biochemischen Abläufen. Allein die Anfangsthese, dass es sich um ein „lebensverlängerndes Hormon“ handeln soll ist irreführend.

Ich werde mein Blog wohl doch noch eine zeitlang weiter führen können.

Der Leser, der mir den Artikel geschickt hatte ist übrigens Arzt. Er empfiehlt seinen Krebspatienten eine kohlenhydratarme, möglichst ganz kohlenhydratfreie Ernährung. Denn bestimmte Krebszellen haben ein aktiviertes TKTL1-Gen, das sie besonders „zuckerhungrig“ macht. Diese Zellen lassen sich weder mit Chemotherapie noch mit Strahlentherapie behandeln. Er hungert diese über die Ernährung quasi aus. Die Hälfte seiner Patienten bleiben nach der Behandlung freiwillig bei seinen Ernährungsempfehlungen: Weil sie dann schlanker sind und sich besser fühlen.

Auf ein längeres Leben also. Mit oder ohne viel FGF21.

Quellen

[1]
Youm YH, Horvath TL, Mangelsdorf DJ, Kliewer SA, Dixit VD: Prolongevity hormone FGF21 protects against immune senescence by delaying age-related thymic involution., 2016
[2]
Kharitonenkov A, Shiyanova TL, Koester A, Ford AM, Micanovic R, Galbreath EJ, Sandusky GE, Hammond LJ, Moyers JS, Owens RA, Gromada J, Brozinick JT, Hawkins ED, Wroblewski VJ, Li DS, Mehrbod F, Jaskunas SR, Shanafelt AB: FGF-21 as a novel metabolic regulator., 2005
[3]
Wall CE, Whyte J, Suh JM, Fan W, Collins B, Liddle C, Yu RT, Atkins AR, Naviaux JC, Li K, Bright AT, Alaynick WA, Downes M, Naviaux RK, Evans RM: High-fat diet and FGF21 cooperatively promote aerobic thermogenesis in mtDNA mutator mice., 2015
[4]
Solon-Biet SM, Cogger VC, Pulpitel T, Heblinski M, Wahl D, McMahon AC, Warren A, Durrant-Whyte J, Walters KA, Krycer JR, Ponton F, Gokarn R, Wali JA, Ruohonen K, Conigrave AD, James DE, Raubenheimer D, Morrison CD, Le Couteur DG, Simpson SJ: Defining the Nutritional and Metabolic Context of FGF21 Using the Geometric Framework., 2016

Von Constantin Gonzalez am 30.10.2016, aktualisiert: 19.12.2016 in Kurzmeldungen.


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Mein Name ist Constantin, Informatiker und seit 2008 beschäftige ich mich intensiv mit Ernährung, Gesundheit und aktueller Forschung dazu.

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