Paleosophie | Tipps und Hintergründe für den zivilisierten Urmenschen | von Constantin Gonzalez

Kognitive Dissonanz

Kognitive Dissonanz

Wenn im Kopf zwei Welten aufeinander treffen, die sich widersprechen, dann spricht man von kognitiver Dissonanz.

Dieses Gefühl tritt oft im Zusammenhang mit Ernährung auf: Wenn Paleo-Fans Fleisch und Fett essen und dabei nicht zunehmen, sondern im Gegenteil gesünder werden und fitter aussehen, schütteln Außenstehende oft den Kopf.

Umgekehrt gibt es oft genug kognitive Dissonanz, wenn man immer wieder neue Diäten ausprobiert und dabei keine Erfolge sichtbar werden.

Wieso kommt es zu kognitiver Dissonanz und wie gehen die meisten Menschen damit um? Und ist es richtig, den Widerspruch im Kopf einfach zu ignorieren oder steckt vielleicht eine Chance dahinter?

Beim Barfuß-Laufen (mit meinem üblichen Zubehör) begegne ich oft Menschen (meistens älteren Jahrgangs), die mich anschauen, als käme ich von einem anderen Stern. Da läuft einer ohne Schuhe! Das kann doch gar nicht sein! Und dann noch auf diesem steinigen Untergrund!

Der Schock-Moment hält meist nur kurz, dann gehen die Menschen weiter, als ob nichts wäre.

Manchmal erwähne ich beim Bestellen im Restaurant oder an der Theke, dass ich gerne meinen Burger ohne Brot haben möchte oder dass der Kellner bitte wieder den Brot-Korb zurücknehmen möge. Auch hier gibt es häufiger kleine Schockmomente, als ob was im Weltgefüge nicht in Ordnung wäre.

Besonders deutlich zeigt sich der Effekt im Gespräch mit Leuten, die ein festes Weltbild davon haben, was „gesunde Ernährung“ ist, wenn ich beiläufig erwähne, dass Getreideprodukte eher ungesund, toxisch oder problematisch sind. So manche Kommentare in diesem Blog zeigen diesen Effekt sehr deutlich.

Dieser Schock-Effekt heißt kognitive Dissonanz, und er kann faszinierend sein. Wikipedia meint dazu:

Kognitive Dissonanz bezeichnet in der (Sozial-)Psychologie einen als unangenehm empfundenen Gefühlszustand, der dadurch entsteht, dass ein Mensch mehrere Kognitionen hat – Wahrnehmungen, Gedanken, Meinungen, Einstellungen, Wünsche oder Absichten –, die nicht miteinander vereinbar sind.

„Menschen brauchen Schuhe“ und „Der joggt ja barfuß“ ist nicht miteinander vereinbar. Ebenso nicht „Jeder isst gerne Brot“ und „der lässt Brot zurückgehen“. Und natürlich der Klassiker „Vollkorngetreide ist gesund!“ ist überhaupt nicht vereinbar mit „Getreide enthalten toxische Substanzen und sind ungesund“.

Die Paleo-Ernährung ist voll von Möglichkeiten für kognitive Dissonanz, da sie in vielerlei Hinsicht unkonventionell ist und oft vehement der konventionellen Meinung widerspricht.

Die Paleo-Ernährung sorgt für kognitive Dissonanz

Das eigentlich interessante an kognitiver Dissonanz ist das, was danach kommt:

Wie Menschen mit kognitiver Dissonanz umgehen

Jeder Mensch baut sich im Laufe ihres Lebens ein Weltbild im Kopf auf, das auf eigenen Erfahrungen beruht und auf dem, was man aus den verschiedensten Informationsquellen für Informationen gesammelt hat.

Tritt nun kognitive Dissonanz auf, dann trifft das eigene Weltbild im Kopf auf eine neue Erfahrung, die dazu nicht passt. Im Kopf treffen zwei Welten aufeinander, die sich widersprechen.

So ein Widerspruch kann nicht sein, denn entweder das eigene Weltbild ist falsch, oder das, was man gerade erfahren hat ist falsch: Dissonanz.

Es gibt logisch gesehen nur drei verschiedene Möglichkeiten, auf kognitive Dissonanz zu reagieren:

  • Ignoranz: Zwei Welten passen nicht zueinander, das überfordert mich, also gehe ich weiter, denke an was anderes und hoffe, dass das nicht wieder auftritt. Das ist die einfachste der drei Möglichkeiten, denn sie weicht dem Problem einfach aus. Ignorieren muss nicht heißen, dass man einfach weitergeht, oft wird nur der Grund ganz woanders gesucht: „Sie sind ja noch jung und können sowieso essen, was Sie wollen!“ oder man trennt das eigene Weltbild vom Rest der Welt ab und isoliert sich damit: „Sie haben bestimmt andere Gene“.
  • Angriff: Die aggressive Form von Ignoranz: Das darf ja gar nicht sein! Der hat bestimmt unrecht mit seiner Spinnerei! Das ist doch klar, dass das Humbug ist! Hierbei geht man davon aus, dass das eigene Weltbild richtig ist und dass die neue Erfahrung im Unrecht ist und daher bekämpft gehört, um die Dissonanz aufzulösen. Wie viele hitzige Debatten sind aufgrund kognitiver Dissonanz schon losgetreten worden!
  • Offenheit: Ganz selten ist diese Variante: Moment mal! Sowas habe ich noch gar nicht gesehen/gehört. Stimmt das? Gibt es vielleicht etwas in meinem Weltbild, das ich korrigieren oder erweitern kann? Diese Reaktion kommt leider viel zu selten vor, dabei ist sie doch die wertvollste: Was nützt einem ein Weltbild, wenn es unvollständig oder falsch ist?

Sein Weltbild zu ändern ist schwer!

Warum ist die Offenheit, sein Weltbild zu ändern so selten? Weil sie Arbeit kostet, riskant ist und das eigene Ich verletzt:

  • Sein eigenes Weltbild in Frage zu stellen kostet Arbeit: Die neue Erkenntnis muss analysiert werden, man muss sich damit stärker beschäftigen, den Fehler im eigenen Weltbild finden, der korrigiert werden muss und die Auswirkungen auf andere Aspekte des eigenen Weltbildes müssen betrachtet werden. Das kostet Mühe und mentale Energie und davor scheuen viele Menschen davor zurück.
  • Sein eigenes Weltbild in Frage zu stellen ist riskant: Was ist, wenn die neue Information sich als falsch herausstellt? Wenn das doch nicht stimmt, was man da sieht und man nur getäuscht wurde? Wenn die DGE doch Recht hat? Wer sich auf neue Erkenntnisse einlässt, muss entweder Mühe investieren, um sie zu überprüfen, oder man geht ein Risiko ein oder wird von Zweifeln geplagt. Solche Zweifel sehe ich sehr häufig in Emails, Kommentaren oder im Bekanntenkreis.
  • Korrekturen am eigenen Weltbild tun weh: Schließlich muss man sich dafür Fehler eingestehen und unter Umständen erkennen, dass man bisher falsch gelebt hat oder anderen was Falsches erzählt hat. Oder man muss etwas, das man über lange Zeit aufgebaut hat wieder aufgeben. Man stelle sich jemanden vor, der Jahrzehnte lang vegetarisch gelebt hat, vielleicht aktiv dafür geworben hat und irgendwann erkennt, dass es doch nicht ohne tierische Nahrungsmittel geht. So einen Wandel macht niemand gerne.

Übrigens: Je älter man ist, desto schwieriger wird es, sein Weltbild zu ändern. Die mentale Arbeit, sich zu ändern fällt schwerer, das Risiko ist höher, wenn man sich schwächer fühlt und ein Weltbild, das man sich über lange Zeit aufgebaut hat, schmeißt man nicht gerne über den Haufen.

7 Tipps, um mit kognitiver Dissonanz umzugehen

  • Sich selbst beobachten: Triffst Du auf eine Erfahrung, die zu Deinem eigenen Weltbild nicht passt? Wie reagierst Du darauf? Warum? Bist Du mit Deiner ersten Reaktion einverstanden?

  • Jeder glaubt, das eigene Weltbild wäre das „richtige“: Inwiefern könnte das Weltbild von anderen Menschen ebenfalls „richtig“ sein? Was fehlt, um das Weltbild anderer mit Deinem zu vereinen? An welchen Stellen driften die Weltbilder auseinander?

  • Gibt es etwas, was Du aus einer kognitiven Dissonanz lernen könntest? Wenn jemand Dein Weltbild verletzt und sie/er dabei offensichtlich glücklicher, gesünder oder sonst wie besser dasteht, woran könnte das liegen? Kann sie/er Dir dazu vielleicht was erklären?

  • Kognitive Dissonanz heißt nicht, dass die widersprüchliche Erfahrung automatisch „Recht“ hat und das eigene Weltbild immer „falsch“ ist. Trainiere Deinen inneren Viren-Scanner und analysiere genau, wie die gegenteilige Meinung zustande gekommen ist und wo genau der Widerspruch liegt.

  • Umgekehrt steckt in jeder kognitiven Dissonanz die Chance, Dein Weltbild zu erweitern: Die Realität hat noch viele Überraschungen für diejenigen parat, die offen für Neues sind.

  • Sei bescheiden: Niemand kann alles wissen und jeder macht mal Fehler. Das gilt auch für Dein Gegenüber, der Dir in Meinung oder Handlung widerspricht. Angriff, Abwehr oder Arroganz sind immer fehl am Platz.

  • Nimm Rücksicht auf andere: Gerade weil andere Menschen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein anderes Weltbild haben, solltest Du sie nicht gleich mit Deinem eigenen Weltbild überfallen. Und wenn Du noch so sicher bist, dass Du „Recht“ hast.

Fazit: Kognitive Dissonanz ist etwas Nützliches

Die Grenzen zwischen einer einfachen Meinungsverschiedenheit und echter kognitiver Dissonanz sind fließend. Letzteres ist fast immer eine Erfahrung, die viel mächtiger das eigene Weltbild in Frage stellt, als eine bloße Aussage eines Andersdenkenden.

Richtig analysiert kann jede kognitive Dissonanz etwas sehr wertvolles sein: Sie signalisiert, dass etwas am eigenen Weltbild zumindest unvollständig ist und man darüber nachdenken sollte, wie die neue Erfahrung und das bisherige Weltbild in Einklang gebracht werden können. Oft verbirgt sich hier die Chance auf eine neue Erkenntnis, eine wertvolle Erfahrung oder eine ganz neue Perspektive: Ein Aha-Moment, der Leben verändern kann.

Mir ist bewusst, dass dieser Artikel eher Amateur-Psychologie ist, er beschreibt aber ganz gut, was ich bisher zum Thema kognitive Dissonanz beobachten konnte. Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren, indem Ihr Eure Kommentare dazu schreibt.

Denn mein Weltbild ist noch lange nicht vollständig!

Von Constantin Gonzalez am 19.05.2015, aktualisiert: 19.12.2016 in Allgemein.


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Mein Name ist Constantin, Informatiker und seit 2008 beschäftige ich mich intensiv mit Ernährung, Gesundheit und aktueller Forschung dazu.

Mit der Paleo-Ernährung (oder: „Paleo-Diät“) bin ich heute 18 kg leichter und fitter als je zuvor. Jetzt wandle ich mich vom Couch-Potato zum Athleten. Das hätte ich als klassischer „Geek“ nie gedacht!

In Paleosophie geht es um Paleo-Ernährung, was dahinter steckt, wie sie funktioniert und um immer neue Möglichkeiten, das Beste aus Deinen Genen zu machen. Mehr…

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